5 Fragen an Peggy Mädler
Der Roman Selbstregulierung des Herzens erzählt von Menschen, die im System der DDR wie auch nach der Wiedervereinigung nach Nähe, Loyalität und Orientierung suchen. Persönliche Beziehungen verbinden sich mit dem damaligen Glauben an Steuerbarkeit, Fortschritt und Kontrolle. Zur Veröffentlichung haben wir der Autorin Peggy Mädler 5 Fragen zu ihrem neuen Buch und dem Zusammenhang von Emotionen und Kybernetik, von Anpassung und Aufbegehren gestellt. Viel Spaß beim Lesen!
Der Titel Selbstregulierung des Herzens klingt gleichermaßen technisch wie emotional.
Was hat Sie an dieser Spannung gereizt?
Vor Jahren entdeckte ich bei Recherchen für ein Theaterstück über das Stahlwerk Maxhütte in Unterwellenborn in der aufgelösten Betriebsbibliothek das Buch „Der Mensch als Regler“. Etwas daran hat mich sofort angesprochen. In dem Buch gibt es einen Aufsatz eines russischen Kybernetikers: „Die Selbstregulierung des Herzens“. Ich fand den Titel wunderschön, die ganze Bandbreite der Gefühlsregulierung – von Gefühlskontrolle bis Co-Regulierung – kam mir in den Sinn, aber tatsächlich ist es eine Abhandlung zur Funktionsweise der Muskelpumpen des Herzens, von der ich bis heute höchstens 10% verstehe, weil sie fast ausschließlich aus mathematischen Formeln besteht.
Diese Diskrepanz hat mich enorm fasziniert. Im Roman spielen Fragen nach Anpassung, Steuerung und Kontrolle von Gefühlen innerhalb von politischen und ökonomischen Systemen eine wichtige Rolle, zugleich suchen die Figuren nach Nähe und Verbindung untereinander. Die Kybernetik beschäftigt sich im Grunde mit ähnlichen Fragen, nur aus einer technischen Perspektive. Wie schaffen es komplexe Systeme – sei es unser Körper, eine Maschine oder eine Gesellschaft – sich zu regeln, auf veränderte Bedingungen zu reagieren, sich anzupassen, Störungen auszubalancieren, über ein Netzwerk an Nervenbahnen zu kommunizieren? Die Grundannahme ist: Hochkomplexe Systeme lassen sich nicht allein zentral steuern, eine einzelne Schaltzentrale (ob unser Gehirn oder eine Plankommission) kann niemals alle Wechselwirkungen des Systems überschauen.
Diese systemische Perspektive und das Vokabular der Kybernetik haben mich sehr gereizt, es ist ein poetischer Raum, in dem ich die Figuren zu den Umständen, in denen sie leben, zu den Maschinen, mit denen sie beruflich zu tun haben, zu anderen Menschen in Wechselwirkung setzen kann, um nach Impulsen, Rückkopplungen, Störungen zwischen ihnen zu schauen. Wo und wie passen sie sich an und wo entstehen vielleicht Fehler oder überraschende Feedbacks?
Der Protagonist Georg glaubt daran, mit Computern und Kybernetik etwas zum Besseren zu bewegen.
Ist diese Hoffnung eher von Idealismus oder Naivität geprägt?
Wo stößt die Idee der „Selbstregulierung“ an ihre Grenzen?
Die Kybernetik nahm in der DDR um die Zeit des Mauerbaus Fahrt auf (1957 wurde der erste Sputnik von der Sowjetunion ins All geschossen, da wurde auch das Interesse an der Kybernetik stärker). Fast zeitgleich gab es den Versuch einer Wirtschaftsreform in der DDR, es sollte ein Neues Ökonomisches System der Planung und Leitung ausgearbeitet werden, die Betriebe mehr Eigenverantwortung bekommen, es wurde über neue ökonomische Anreize nachgedacht, um die Produktion effizienter zu gestalten. Salopp gesagt, ging es darum, ein bisschen mehr Markt in die Planwirtschaft zu bekommen.
Meine Hauptfigur Georg studiert in dieser Zeit Ökonomie, er ist noch sehr jung und hofft wie seine Freunde zunächst auf eine Demokratisierung im Zuge der Wirtschaftsreform. Außerdem interessiert er sich sehr für die elektronische Datenverarbeitung und als die ersten Computer in der DDR zum Einsatz kommen, sieht er darin den Beginn einer kybernetischen Zukunft, in der die Automatisierung dem Menschen alle belastenden, gesundheitsschädigenden Arbeiten abnehmen könnte. Es ist der Traum vom Ende der entfremdeten Arbeit – frei nach Marx: „Je weniger Zeit die Gesellschaft bedarf, um Weizen, Vieh etc. zu produzieren, desto mehr Zeit gewinnt sie zu anderer Produktion, materieller oder geistiger.“ Rückblickend findet Georg seine Hoffnungen naiv, die Erinnerung daran schmerzt ihn. Nach dem gewaltsamen Ende des Prager Frühlings und der Flucht seines besten Freundes verlässt er die Hochschule und arbeitet von da an als Programmierer. Schnell wird ihm klar, dass die Rechenmaschinen bzw. die Programme, die er für sie schreibt, die Arbeit nicht reduzieren werden, sondern nur die Effizienz erhöhen. Und die Datenverarbeitung dient natürlich auch der Überwachung.
Heute stellen sich viele der Fragen abermals in Bezug auf die KI: Bringt sie Freiheitsgewinne und/oder Freiheitsverluste mit sich? Wo sind die Grenzen einer Selbstregulierung des Marktes? Ein Ende der Ausbeutung ist mit Blick auf die Clickworker, die Daten für die KI sortieren, nach wie vor nicht absehbar.
In Ihrem Roman ist Vertrauen nie selbstverständlich. Was macht Überwachung mit Freundschaften und Liebesbeziehungen, auch jenseits politischer Geschehnisse?
Argwohn zwischen Menschen zu säen, ist eine Form, Kontrolle auszuüben. Je mehr sich Menschen gegenseitig misstrauen, desto weniger werden sie sich verbünden, einander mitteilen, zusammenfinden. Eher gehen sie sich aus dem Weg, ziehen sich in ihre Nische mit wenigen anderen Vertrauten zurück. Mona, eine Grafikerin, in die sich Georg verliebt, versucht immer wieder, sich diesem Argwohn zu widersetzen, Feste zu organisieren, Gäste einzuladen, ein großes Netzwerk aus (freundschaftlichen) Beziehungen aufzubauen. Doch in den 1980er Jahren dünnt dieses Netzwerk aus, reisen viele Freunde aus – die Feste werden mehr und die Gäste immer weniger.
Der Umbruch von 1989 wirkt in Ihrem Roman nicht nur befreiend, sondern auch ernüchternd. Was ging Ihrer Meinung nach in dieser Zeit verloren, was vorher vielleicht als Hoffnung spürbar war?
Für Georg ist es ein Anfang und Ende zugleich. Mit dem Land verschwindet sein dazu passendes Leben. Das Kombinat Datenverarbeitung wird aufgelöst. Er ist 50 Jahre alt und beginnt, sein Verhalten in dem vergangenen System zu befragen – seine Anpassung, die vielen Gewohnheiten – und merkt zugleich, wie er sich abermals anzupassen versucht, um im neuen System zu funktionieren. Im Roman heißt es: „Er wusste einfach nicht, nach welchen Maßstäben er das Gelernte und Erfahrene begutachten sollte, was gehörte tatsächlich auf den Müll und was zu den geretteten Lochkarten im Schrank?“. Für Mona ist der Umbruch dagegen ein Aufbruch, in den ersten Jahren ist sie ständig in Bewegung, als gälte es, das Stillhalten ein für alle Mal abzuschütteln. Auch Georg fängt an zu laufen, er joggt quasi durch die 1990er Jahre, aber eher, um die vielen Gefühle und Gedanken in ihm im Zaum zu halten.
Ich denke, eine Hoffnung von 1989 war es, die neuen Umstände und Regeln des Zusammenlebens stärker mitgestalten zu können. Darauf hofften nicht alle, aber einige, schließlich hatte es gerade eine Revolution gegeben. Und tatsächlich würde ich manche Artikel, die im Verfassungsentwurf des Runden Tisches vom April 1990 aufgeführt sind – wie z. B. „Jeder Bürger hat das Recht auf angemessenen Wohnraum“ oder „Der Schutz der natürlichen Umwelt als Lebensgrundlage gegenwärtiger und künftiger Generationen ist Pflicht des Staates und aller Bürger“ aktuell wirklich gern neu diskutieren.
Viele Ihrer Figuren machen weiter und passen sich an, ohne ganz aufzugeben. Wo liegt für Sie die Grenze zwischen klugem Sich-Arrangieren und dem Moment, in dem man sich selbst verliert?
Es ist immer eine Balance. Die Möglichkeit der Anpassung an Lebensumstände oder Veränderungen ist ja auch eine wichtige Kompetenz des Menschen, nicht nur eine Form des Opportunismus. Und Gefühlsregulierung meint nicht ausschließlich die Unterdrückung von Gefühlen, sondern eben auch die Fähigkeit, Impulse und Emotionen regulieren zu können, ihnen nicht ausgeliefert zu sein. Ich denke, diese Balance muss immer wieder neu gefunden und entschieden werden. Manchmal ist Widerstand wichtig, damit ein System kippt, und manchmal braucht es Widerstand dafür, damit wir es nicht verlieren.
Zur Kybernetik
Die Kybernetik, begründet von Norbert Wiener zu Beginn des 20. Jahrhunderts, beschäftigt sich mit Steuerung, Regelung und Kommunikation in dynamischen Systemen. Solche Systeme können biologisch, technisch oder sozial sein und zeichnen sich auch dadurch aus, dass sie sich selbst regulieren. Um gesellschaftliche und technische Entwicklungen besser zu verstehen, sind kybernetische Kenntnisse bis heute hilfreich. Auch aktuelle Prozesse wie die Entwicklung von Künstlicher Intelligenz oder demokratische Entscheidungsfindung beruhen auf selbstregulierenden Systemen. Die Figur Georg in Peggy Mädlers Roman Selbstregulierung des Herzens trägt den gleichen Vornamen wie der Philosoph und Schachspieler Georg Klaus, der in der DDR kybernetische Konzepte entwickelte und auf gesellschaftliche Fragen anzuwenden versuchte.