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5 Fragen an Markus Orths

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Wir feiern die Veröffentlichung von »Die Enthusiasten«, dem neuem Buch von Markus Orths, welches erstmalig bei Galiani Berlin erscheint! Aus diesem Anlass haben wir dem Autor fünf Fragen zu seinem neuen Buch und der Bedrohung der Kunst durch KI gestellt. Viel Spaß beim lesen!

 

 

Worum genau geht es in Ihrem Buch »Die Enthusiasten«?


Zum einen ist es eine Art Literatur-Krimi: Der Erzähler und leidenschaftliche »Shandyaner« Vince Bär ist auf der abenteuerlichen Jagd nach einem kostbaren Manuskript, nämlich dem zehnten Buch von Tristram Shandy, „dem größten Roman aller Zeiten“. Dabei schreckt er vor keiner turbulenten Kapriole und irrwitzigen Idee zurück. Zum anderen wird eine absonderliche Familiengeschichte beleuchtet: Vince Bärs Bruder Marcellus dreht abgefahrene Experimentalfilme. Seine Schwester Elfi hockt seit Jahren in der Tiefe eines Bergs und sucht vergeblich nach Dunkle-Materie-Teilchen. Der sprachverliebte Vater antwortet am liebsten auf Fragen, die er noch nie gehört hat. Und die von allen verehrte Mutter verschwindet spurlos, als Vince zwölf Jahre alt ist. Keiner weiß, warum und wohin und ob Mutter überhaupt noch lebt. Doch keiner kann aufhören, an sie zu denken und auf ihre Rückkehr zu hoffen, auch nach so langer Zeit.

 

Werden die beiden Handlungsstränge zusammengeführt?


Ja. Die Zusammenhänge und Verstrickungen werden nach und nach sichtbar. Es geht im Roman um die verschiedenfarbige Suche der Menschen. Die Suche nach einem anderen Menschen. Nach einem Buch. Nach einem Sinn. Auch wenn wir wissen, dass wir den Sinn nicht finden können, wir suchen immer weiter danach, verzweifelt oder begeistert. Und der Mensch erzählt immer neue Geschichten über diese Suche. So ist Die Enthusiasten letztlich ein Roman über das Erzählen und die Kunst als Rettungsanker für uns Menschen. Ohne das Berühren und Berührtwerden durch die Kunst würden wir viel von dem verlieren, was uns zu Menschen macht. Und ich habe gerade in dieser Zeit sehr große Sorgen um die Zukunft dieser menschlichsten aller Ausdrucksformen: der Kunst.

 

 Ist die Kunst denn bedroht?


Mehr denn je. Es kann sein, dass wir durch die rasche Entwicklung der Künstlichen Intelligenz auf dem Weg sind, die Kreativität, das Erzählen, die »menschengemachte«​​​​​​​ Kunst in großen Teilen zu ersticken. Dies käme in meinen Augen einer Katastrophe gleich. Wenn die K.I. nur seelenlosen Müll produzieren würde, wäre mir nicht bange. Meine Sorge ist: Was, wenn die K.I. eines Tages wirklich geniale Werke »verfasst«​​​​​​​? Und dem Menschen die Kreativität nimmt? Wohin dann mit all den Künstlern, die nur leben können, weil sie sich ausdrücken müssen? Schon jetzt gibt es (gut geschriebene) Kinderbücher, die komplett K.I.-generiert sind. Drehbuchautoren demonstrieren. Synchronsprecher müssen ihre Stimme verkaufen. Übersetzer sterben langsam aus. Ich war neulich in einem (noch) erschreckend schwachen Theaterstück, das von ChatGPT »geschrieben«​​​​​​​ wurde. So wunderbar die K.I. auf anderen Feldern auch sein könnte (Medizin, Bürokratie), so fatal und gefährlich kann sie für die Kunst werden. Und darüber sollten wir dringend nachdenken.

 

Und was setzen Sie dieser Bedrohung entgegen?


Das Überbordende. Das Absurde. Das Groteske. Das den Rahmen Sprengende. Das An- die-Grenze-Gehende. Und darüber hinaus. Das Unwahrscheinliche. Das Unglaubwürdige. Das Noch-nie-Dagewesene. Die ganze Kraft meiner ureigensten menschlichen Fantasie. Und warum das alles? Ganz einfach: Weil ich selbst als Autor aus dieser Art des Schreibens meine Kraft ziehe. Weil ich durch diese Form des Schreibens mich selbst vergesse in einem Gefühl des Schwebens. Weil ich beim Schreiben einen Enthusiasmus entwickle für das Leben und die Welt. Weil ich in dieser Form des Schreibens die Welt erst aushalten kann und die Grundlage dafür lege, dass auch die Welt mich aushalten kann. Weil ich als lebendes Individuum meine ganze Atemkraft dem Künstlichen entgegensetzen möchte. Natürlich bin ich selbst hier lediglich ein Beispiel für alle Künstler. Alle Schreibenden haben ihre eigenen Blicke auf Welt und auf sich selbst. Alle Schreibenden haben ihre eigenen Formen des Ausdrucks. Schon Laurence Sterne schreibt in seinem Tristram Shandy: »Nur wünschte ich, unsere Welt würde lernen, die Leute ihre Geschichten auf ihre eigene Weise erzählen zu lassen.« Diese menschliche Individualität dürfen wir niemals verlieren oder aufs Spiel setzen. Eine Welt ohne »menschengemachte« Kunst ist eine Welt, in der ich nicht leben möchte.

 

Wem würden Sie das Buch empfehlen?


Allen, die Lust haben, sich einzulassen auf eine schräge Geschichte, auf überraschende Bisse und Höhlenstolpereien, auf abenteuerliche Entdeckungen, scheinbar »geniale« Ideen, die aber alles andere als solche sind, und auf Figuren, die immer auch innere Figuren sind. Kurz: Allen Lesenden, die sich beim Lesen befreien möchten vom Staub des allzu Bekannten und die beim Lesen gern auch mal schmunzelnd den Kopf schütteln.