6 Fragen an Bruno Preisendörfer
Ihr Buch erzählt die deutsche Nachkriegsgeschichte neu, indem Sie verfolgen, wie politische Schlagworte wie „Stunde Null“, „Wohlstand für alle“ oder „Wir schaffen das“ entstanden sind, die Wirklichkeit geprägt haben und was man in der Rückschau davon hält. Nach welchen Kriterien haben Sie die Schlagworte ausgewählt?
Zunächst nach ihrer 'Gängigkeit', also wie bekannt sie in ihrer eigenen Zeit waren und es bis heute geblieben sind. Und dann nach sachlicher Relevanz: Es sollte von jenen politischen, sozialen und wirtschaftlichen Themen berichtet werden, die für die Menschen in Deutschland prägend, mitunter auch bedrückend waren, und die uns in der Gegenwart immer noch oder wieder herausfordern.
Die Schlagworte "Wohlstand für alle" von Ludwig Erhard (1957), "Kultur für alle" aus der Feder des Frankfurter Kulturstadtrats Hilmar Hoffmann (1979) und "Bildung für alle" des Bundespräsidenten Horst Köhler (2006) bilden eine Gruppe innerhalb des Buches. Wie hängen diese Schlagworte miteinander zusammen, beziehungsweise, wie haben sie sich auseinander entwickelt?
Hier kam es tatsächlich auf die geschichtliche Reihenfolge an, die auch als gesellschaftliche Rangfolge aufzufassen ist: Erst der Wohlstand, dann die Kultur, zuletzt die Bildung für alle. Dieser Effekt der Folge ist der Grund, warum eine im Vergleich nicht ganz so berühmte Parole wie "Bildung für alle" aufgenommen wurde.
Am Ende jedes Kapitels legen Sie auf ein bis zwei Seiten Ihre eigene Situierung im jeweiligen Kontext dar. Sie geben Einblicke in ihre Lebensgeschichte und wie diese mit den Schlagworten verknüpft ist. Dies steht im Kontrast zur historisch neutralen Perspektive, mit der Sie die Schlagworte und ihre Einbettung in gesellschaftliche Zusammenhänge erläutern. Warum machen Sie diesen Perspektivwechsel und was war Ihnen daran wichtig?
Die Obersicht, also der Blick auf Strukturen und historische Entwicklungen, sollte mittels dieser anekdotischen Passagen durch die Nahsicht aus subjektiver Perspektive ergänzt werden,
Gibt es ein Schlagwort, welches es nicht ins Buch geschafft hat und falls ja, warum?
Es gibt etliche Schlagworte und Parolen, die nicht zu Kapitelüberschriften wurden, jedoch im Chor des Textes zu vernehmen sind: Zum Beispiel "Deutschland ist ein Einwanderungsland" beziehungsweise "Deutschland ist kein Einwanderungsland". Hinsichtlich des Gesamttextes wagt der Autor also die Behauptung, dass er keine wirklich wichtige Parole übersehen hat.
Was können wir als Leser*innen aus den Schlagworten für unser eigenes gesellschaftliches Verständnis der Gegenwart mitnehmen?
Vor allem geschärfte Aufmerksamkeit. Ich bin mir nicht sicher, ob man aus 'der Geschichte' wirklich etwas lernen kann. Wenn die Geschichte die Lehrmeisterin des Lebens ist, wie in der Antike behauptet wurde, dann eine ziemlich unzuverlässige. Vielleicht kann man ja aus der Zukunft etwas über die Gegenwart lernen, indem man sich beispielsweise vorstellt, wie unsere Gegenwart bewertet werden wird, wenn sie Vergangenheit geworden ist.
Und zuletzt: Welche Parole hätten Sie gern selbst erfunden?
Wenn ich eine Parole wählen müsste, dann "Bildung für alle". Das war, ist und bleibt mir ein Herzensanliegen. Schließlich habe ich 2007 dazu die Streitschrift "Das Bildungsprivileg" veröffentlicht.