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Peter Wawerzinek: Vom Alltag in der roten Zone

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Andrea Freiberg

Für die junge Welt berichtet Peter Wawerzinek vom Corona-Alltag in Rom.

Der Autor wohnt seit September als Stipendiat der Deutschen Akademie für zehn Monate in der berühmten Villa Massimo in Rom. Ein Tagebuch.

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Musik aus der roten Zone

Im Dezember 2019 war Musiker Dirk Schlömer in Rom, um dort gemeinsam mit Peter Wawerzinek ein Konzert zu spielen und an einigen Musikstücken zu arbeiten. Aus einem davon wurde CoRoma1: VaCuum. Alle Musiker auf dem Track waren/sind zu Zeiten der Corona-Pandemie in Rom: Fabio Anile und Alex Gypsy leben dort, Wawerzinek und Torsten Rasch sind gerade Stipendiaten der Villa Massimo.

Der Song steht zum Streamen und Download auf Bandcamp!

Nach dem Ende seiner Kolumne in der jungen Welt meldet sich Peter Wawerzinek weiterhin ab und zu aus der Villa Massimo in Rom. 

6. Mai | Rom liegt am Meer

Rom ist von allen Orten, die ich bisher bewohnen und beschreiben durfte, der stillste momentan. Mein Zimmer in der Villa Massimo gleicht einem Baumhaus, wie es einst von uns Kindern an der Ostseeküste gebaut worden war. Wir saßen dort so viele ungenannte Stunden. Wir schauten auf nichts anderes als den Strand, das Meer, den Horizont vor uns. Und über all dem war der große weite lichte Himmel gespannt. Wir erlebten geheimnisvolle Windstille. Wir ertrugen lähmende Hitze. Das Himmelsblau wich. Wind kam auf. Finstere Wolken und hohe Wellen bildeten sich. Peitschender Sturm setzte dem wilden Meer Schaummützen auf. Sand flog uns ins Gesicht. Wir drohten im tiefen Grau der Wolken zu verschwinden. Wir hielten einander fest und hielten durch, bis das böse Tosen dann endlich ausklang, die Elemente um uns sich wieder beruhigten. Zum Abend hin erstrahlte alles im Licht der Sonne. In ihrem schönsten purpurroten Kleid ging sie, so schien es uns, langsam und nur für uns unter. Als schritte sie hinterm Horizont eine unsichtbare breite Freitreppe herab. Und dann wurde es Nacht. Die Sterne funkelten und flüsterten miteinander. Der Mond trug einmal einen doppelten Hof. Uns Kindern war bange, er würde für immer in ihnen gefangen bleiben. Die festen Ringe lösten sich auf. Ein neuer Tag begann. Wir verließen unser Baumhaus. Wir liefen tanzend in den Ort zurück. Wir sangen: Welch ein heller Tag ist jener Tag, der die lange Finsternis übersteht. Was für ein Festplatz wird Rom sein, singe ich, haben wir unsere Fensterplätze erst einmal wieder verlassen.

22. April | Zitronen

Was den Mundschutz angeht, so sind mir schon einige andere Begriffe wie Maulgeflecht, Tropfenbinde, Lippengespinst, Schnutenschutztuch eingefallen. Heißen korrektdeutsch verwendet amtlich Mundnasenmasken. Legt das Institut für Normierung fest. Zeichnet für viele andere verbindlich festgelegte Bezeichnungen verantwortlich. Ich empfinde Masken eh als gesichtslästige Bürden vorm Mundwerk getragen, kann sie mir nicht einmal im spielerisch-spaßigen Sinne als Stofforden anstecken. Wir trugen alle Masken und Schutzhandschuhe bei der Arbeit an der Zitrone. Hauseigene Früchte. Über Monate selbst unter Quarantäne gestellt und ins Gewächshaus weggesperrt verblieben. Nun wurden die Riesenpötte aus ihr heraus befreit und rund um den Vorplatz zurück an ihre angestammten, krisensicheren Plätze verbracht. Die von ihnen über die kältere Jahreszeit herübergeretteten Früchte galt es nunmehr zu ernten. Eine ganze Gemüsekiste voll ist dabei herausgekommen. Jetzt war es an der Zeit sie zu waschen und zu schälen. Eigens dafür sind die üblichen Verdächtigen als Freiwillige am großen Tisch im Gemeinschaftsraum zusammengekommen. Florian und Gretel wuschen sie mit ihren geschickten Händen vom Umweltdreck rein. Esra, Andrea, Julia, Dennis, Torsten, Paul und ich griffen sie auf, um sie nackig zu machen, wie man dazu bei mir in Mecklenburg sagt. Das Ganze wurde von Kasper gefilmt und wird dann in Kürze über die Leinwand flimmern. Als Beleg dafür, dass wir durchaus zusammenarbeiten können. Als freundlichgemeinte Information an unsere Fans gegenüber der andere Straßenseite, in der Villa vorstellig werden zu dürfen, ist die Zitronenmarmelade erst einmal angerichtet und eingekocht. Mit scharfem Messer und Gummihandschuhen zu werkeln ging bei mir nicht lange gut. Nach wenigen Drehminuten für unsere Filmaufnahmen war der rechte Daumenschutz bei mir verschlissen, erledigt. Mit zerfetztem Gummi am großen Onkel setzte ich meine Befreiungsarbeit fort. Mal ließen sich die Zitronen nahezu von alleine aus ihren Schalen befreien. Mal waren sie so dick und fest eingemummelt, dass es schon einige Kraft und Unerbittlichkeit verlangte, sie einander gleich, einheitlich, frei zu machen. Schließlich landeten alle Zitronenleiber in Stücke und Scheiben geschnitten über drei Kochtöpfe verteilt. Mit reichlich Zucker versehen durften sie über Nacht beisammen bleiben und bis zum Morgen hin ordentlich durchsotten. Dann werden sie gekocht. Bei drei Töpfen könnten theoretisch drei unterschiedliche Rezepte Verwendung finden, drei Marmeladen herausspringen. Man kann mit der Jam nämlich so einiges anstellen, Zimt, Nelken, Mandeln beigeben. Man kann für die Konfitüre verschiedenste Mixturen verwenden, um tropische Schärfe hinein zu zaubern. Man könnte aber auch generell mit der Masse experimentieren, so manchen Seitenweg in der Kochkunst einschlagen, was ich gern tun würde, mich jedoch nicht traue so auch zu sagen. Es geht hier nicht um die Befriedigung insgeheimer Zitronenträume meinerseits, sondern ums Allgemeinwohl und diejenige gesicherte Rezeptur, die von der Bevölkerung auch angenommen wird. Also werde ich einfach so einmal nach nebenan in die Marmeladenküche schlendern und der Endfabrikation beiwohnen. Wenns auch schwerfällt, schön meine Finger stillhalten, die Hände besser gleich zweifach in Gummischutzhaft stecken. Damit es zu keinem Übergriff und sonstigen, die Zubereitung nur störenden Handlungen meinerseits kommt. In die saure Zitrone muss ich da schon tapfer beißen. Die bittere Pille wird geschluckt, egal wie es mir dabei auch in den Handinnenflächen juckt.

15. April | Ostseefeeling

Wie es mir gelingt, ein wenig Ostseefeeling und Rostock in die Villa Massimo zu bringen: Wir haben auf unserem Gelände zwei künstlich angelegte Wasserspiele, eines direkt gegenüber dem Haupthaus, das andere an ihm angeschlossen und durch die große Sichtscheibe des Zeitungsraums in seiner Größe gut zu sehen. Hier verbringen ich jeden Tag eine halbe Stunde mit der Lektüre von Weltnachrichten, Provinzpossen und dem kleinen Satz, der mich über den Tag lang beschäftigen könnte. Habe ich ausgelesen, sitze ich nur da und höre dem Brunnen zu. Er spricht so leise zu mir, ist vom Sessel aus kaum zu vernehmen. Alles äußerst reduziert. Und doch denke ich beim Anblick an die wuchtige volle Lautstärke, die aufkommt, wenn ich an der Ostsee stehe. Die Augen geschlossen folge ich jeder Nuance der stürmischen Rede des Meeres. Ich habe die Wildheit, die Wellen, den Schaum, die Gischt, die Wolken vom Wind in Fetzen gerissen im Kopf. Ich durchlebe, fühle die erfrischende Kraft der Elemente, die an meinen Kleidungsstücken zerren, meinen Körper bearbeiten. Die wenigen Haare fliegen auf und werden mir fast vom Haupt gerissen. Ich spüre Sand, der meinen Gesichtshaut massiert bis er mir lästig wird, sie nur noch traktiert. Ich rieche Fisch, meine Nasenflügel vibrieren wie als würde ein Tier Witterung bekommen. Öffne ich die Augen rasch wieder, so ist da nur dieser Brunnen hinterm Glas, in dem dunkle, tief orange eingefärbte Goldfische dümpeln, bei denen ich mich frage, wie sie hier nur zufrieden herumschwimmen können. Genügsame Tiere wie keine einzige Möwe an der Ostsee je sein könnte. Ich höre sie bejahend laut kreischen, während ich mich erhebe und langsam Richtung Postkasten spaziere. Über Kieselsteine geht der Weg hinweg wie über einen Teppich, den man barfuß abschreiten sollte, um ihn irgendwie gerechter zu empfinden. Ich habs einmal probiert. Er kann sich nicht mit dem Sand der Ostsee messen, bleibt weit hinter dem Urerlebnis zurück, das ich aus Kindheitstagen noch in mir trage. Der Kiesel hier knirscht nur müde wie gelangweilte Katzen eventuell lustlos fauchen, nur um zu zeigen, dass sie da sind. Ich wandere dann mit Post beladen oder nicht, ein kurzes Stück weiter und stehe vor einem kleinen Sprudel. Da kommt das Wasser aus dem Mund einer Putte. Es tröpfelt nicht einmal kniehoch regelrecht munter in ein kleines Halbrund, das mit Wassergrün zugewachsen ist. Der Strahl trommelt eine ewige Melodie, die mich maulfaul mitsingen lässt, von Desmond und seinen Verkaufskarren auf dem Markt handelt, und Molly, die Sängerin in einer Band, zu der Desmond sagt: Hey, du gefällst mir. Während Molly nach seiner Hand greift und obladioblada singt, gehe ich die hintere Front der Studios ab. Das ist in ehrlicher Frühe am weisesten getan. Denn da liegen sie alle noch in Tiefschlaf begriffen und über allem ist eine beinahe drohende Stille, wie man sie an schwülen Abenden am Rostocker Hafen erleben kann, wenn der Tag ausgepowert und erschöpft am Boden liegt, sich so nichts mehr regen und bewegen mag. Ich verliere dann kurz die Orientierung, denke nicht mehr in Rom, auch gar nicht in Italien, schon gar nicht an der Hintertreppe meines Studios zu sein. Und muss dann sofort ins Haus stürmen, den Wasserhahn aufdrehen, mein Ohr ganz dicht ans Waschbecken legen, den Kühlschrank öffnen, an der geöffneten Fischbüchse riechen, um wieder Halt zu gewinnen. Hering in Tomatensoße hilft am besten gegen derartige aufflammende Seesehnsüchte.

Peter Wawerzinek bei Galiani Berlin

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