MACHT – der neue Roman von Karen Duve

Ein Buch, das niemanden kalt lässt – noch nie war die Liebe so finster und der Weltuntergang so unterhaltsam.



Laudatio anlässlich der Verleihung des Kasseler Literaturpreises für grotesken Humor 2017 an Karen Duve - gehalten am 11. Februar 2017 von Rainer Moritz

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister, liebe Preisträgerin Karen Duve, meine sehr geehrten Damen und Herren! Es mangelt, sagt man, nicht an Literaturpreisen hierzulande. Findige Menschen wollen gar errechnet haben, dass alljährlich über 700 literarische Preise im deutschsprachigen Raum verliehen werden, und blickt man darauf, wer alles in welchem Namen quasi alle zwölf Stunden geehrt wird, wundert man sich insgeheim. Denn viele der Gewürdigten sind selbst belesenen Menschen kein Begriff, ja, nicht selten hat man nicht die geringste Ahnung, wer der Namensgeber eines Literaturpreises sein könnte. Ich selbst zum Beispiel habe als junger Mensch 1989 den Erna-Jauer-Herholz-Preis erhalten, und ich würde sofort eine Runde Schaumwein ausgeben, wenn sich hier im Raum jemand fände, dem der Name Erna Jauer-Herholz etwas sagt. Der „Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor“, den Karen Duve erfreulicherweise heute Abend erhält, gehört natürlich nicht in diese Kategorie. Er genießt hohes Ansehen, was nicht zuletzt damit zu tun hat, dass er nicht für irgendetwas, für irgendetwas Unspezifisches und Allgemeines verliehen wird – was die Sache übrigens für einen Laudator nicht einfacher macht. Denn es ist leichter, einen Autor zu würdigen, der für sein Gesamtwerk oder für ein einzelnes Buch ausgezeichnet wird. Im ersteren Fall schlägt man schnell ein paar große Schneisen durch das Werk des Schriftstellers, kann sich meist auf üppige Sekundärliteratur stützen und ist allein mit der Aufzählung der wichtigsten Bücher eine Weile beschäftigt. Geht es um die Würdigung eines einzelnen Romans ist man als Lobredner in der Regel schon damit ausgelastet, dessen Inhalt ohne größere Patzer zu referieren. Hier in Kassel ist die Lage schwieriger. Denn der Kasseler Literaturpreis ehrt eine auf den ersten Blick präzis benannte Qualität eines Werkes, eine Eigenschaft, die man wahrlich nicht bei allen Autorinnen und Autoren antrifft. Peter Handke und Botho Strauß zum Beispiel kämen meines Erachtens für viele Literaturpreise in Frage, doch sie als Virtuosen des „grotesken Humors“ zu bezeichnen erschiene mir irgendwie fehl am Platze. Ja, es geht hier und heute um „grotesken Humor“ bzw. um – so die offizielle Formulierung – ein Werk, das „von Komik und Groteske auf hohem künstlerischen Niveau geprägt ist“. „Grotesker Humor“ also. Hätte „Humor“ allein nicht genügt? Offensichtlich nicht, und das Attribut „grotesk“ macht die Sache zudem verwickelter. Ersparen Sie mir, meine Damen und Herren, Ausflüge in die literaturwissenschaftliche Terminologie, verlangen Sie von mir keine Definitionen dessen, was „das Groteske“ oder „die Groteske“ genau meinen könnte. Auf jeden Fall geht es, wenn wir von grotesken Ereignissen sprechen, um Absonderlich-Wunderliches, um Absurdes oder scheinbar Sinnloses, und literarische Darstellungen, die „grotesk“ genannt werden, erobern gern die Randbezirke der vermeintlich gesicherten Realität und zeigen eine Neigung zum scharf Gezeichneten und Schrillen. So gesehen bildet der Begriff „Grotesker Humor“ ein apartes Duo. Humor allein – seien wir ehrlich – hatte und hat es nämlich im deutschen Literaturbetrieb nicht ganz einfach. Wer als „humorvoller“ Schriftsteller bezeichnet wird, läuft Gefahr für höhere literarische Weihen nicht mehr in Frage zu kommen. „Humorvoll“, das klingt nach den wohlgeformten Reimen von Eugen Roth, nach Peter Frankenfeld und Heinz Erhardt, das klingt mehr nach einer Lebenseinstellung als nach literarischen Verdiensten. Kurzum, bloß mit Humor ist man literarisch noch nicht satisfaktionsfähig. Karen Duve, unsere Preisträgerin, scheint diese Hürde sehr früh genommen zu haben. Betrachtungen, die sie als humorvolle Schriftstellerin würdigen, sind selten; umso häufiger jedoch begegnen wir in der Beschreibung ihres Werkes der Vokabel „komisch“. Ihr Verlag hat es sich deshalb angewöhnt, in Ankündigungstexten unentwegt vom „Komischen“ in Karen Duves Büchern zu sprechen. Duve ohne „komisch“, das scheint unmöglich, und auch ihr letzter Roman „Macht“, auf den ich noch kurz zurückkommen werde, wird so angepriesen. Genauer gesagt: „Macht“ sei – ich zitiere – „wahnwitzig, böse, komisch, prophetisch, aktuell“, was für einen einzigen Roman kein schlechtes Pensum ist. Warum sind Karen Duves Bücher komisch? Eine wichtige Voraussetzung liegt daran, dass dieser Autorin die Verbreitung von jeder Langeweile fremd ist. Denn einer ihrer großen Vorzüge besteht darin, dass man ihren Büchern vieles, aber gewiss keine Eindimensionalität oder Motivarmut nachsagen kann. Karen Duve ist eine der abwechslungsreichsten und vielseitigsten Schriftstellerinnen, die die deutsche Gegenwartsliteratur aufzuweisen hat; sie ließ und lässt sich nicht festlegen, weder auf ein Grundthema noch auf ein Genre oder eine Stilform. Wenn ein neues Buch von Karen Duve angekündigt wird, muss, nein, darf man mit Überraschungen rechnen. Gewiss, seitdem Karen Duve 1995 erstmals Prosa veröffentlichte, den Band „Im tiefen Schnee ein stilles Heim“, blieb Kritikern und Lesern nicht verborgen, dass es in ihren Büchern Konstanten gibt, dass es in diesen Büchern drunter und drüber geht und die Figuren vielerlei auszuhalten haben. Einsamkeit, Liebesleid, Essstörungen, Schreibblockaden, ekliger Sex, Tiere, töricht-böse Männer, sich selbst im Weg stehende Frauen – an allen Ecken und Enden begegnet man in den Duve’schen Szenarien merkwürdigen Gestalten und sieht sich unschönen Erfahrungen ausgesetzt, an allen Ecken und Enden erleben wir menschliche Kreaturen, die mit der vorgefundenen Realität ihre liebe Müh und Not haben und nicht selten froh sind – wie es einmal heißt – „Glas“ zwischen sich und den „Dingen“ zu wissen. Glas zwischen sich und den Dingen zu spüren – das scheint mir auch eine wichtige Voraussetzung für das Komische zu sein, für das Humorvolle und das grotesk Humorvolle in den Werken Karen Duves. Komik entsteht oft aus dem verblüffenden Kontrast von Erwartetem und Unerwartetem. Realitätsgesättigte Leser werden plötzlich mit Szenen und Konstellationen konfrontiert, die sie in ihrem täglichen Leben selten vorfinden. Karen Duve lässt ihre Figuren aberwitzige, groteske Dinge erleben, verwickelt sie in unerhörte Geschehnisse und zeigt die Hilflosigkeit ihrer Protagonisten gerade durch solche Konfrontationen. Lassen Sie mich das Komische bei Karen Duve an ein paar Beispielen, kleinen und größeren, verdeutlichen, an Beispielen, die fast immer mit dem markanten, unverwechselbaren Stil dieser Autorin zu tun haben. „Patzig“ hat ein Kritiker den Tonfall von Karen Duves Prosa genannt, und wenn man darunter versteht, dass sie die Gabe hat, unverstellte, zündende, dem Alltag abgelauschte Dialoge zu schreiben, in denen nichts beschönigt wird, Beschreibungen zu liefern, die desaströses psychisches Durcheinander in drastische Bilder verpacken, dann ist damit viel Richtiges über diese Bücher gesagt. Da gibt es zum Beispiel in der frühen Erzählung „Im tiefen Schnee ein stilles Heim“ eine unschöne Szene, als eine Frau Oktober, die ihre Einsamkeit dadurch verscheuchen will, dass sie ein junges Mädchen bei sich aufnimmt, nicht davon ablässt, die Fersen des Mädchens mit zinkhaltiger Babycreme bearbeitet. Die gegen ihren Willen Eingecremte finden daran keinen Gefallen, entzieht ihre Füße, worauf die beleidigte Frau Oktober das Mittagessen serviert: „In der grünlichen Wohnzimmerbeleuchtung sahen die Klöße und Kartoffeln wie Unterwassergewächse aus.“ Ein Bild, das man nicht so schnell wieder vergisst ... Klöße wie Unterwassergewächse ... ein Bild, das die Atmosphäre in Frau Oktobers Haus aufs Trefflichste resümiert. Komik und Ekel gehören bei Karen Duve eng zusammen. Wie zum Beispiel im Roman „Dies ist kein Liebeslied“, der ausführlich schildert, wie die Ich-Erzählerin ihre Jugendtage damit zubringt, Tierdoktorspiele mit ihrem Freund Axel zu spielen. Man sucht, nachdem ein Rasenmäher sein Werk verrichtet hat, das bearbeitete Terrain nach verletzten Fröschen ab und gibt sich aufopferungsvoll: „Wir behandelten grundsätzlich alle Opfer, selbst die hoffnungslosen Fälle: geköpfte Frösche und Frösche, die in der Mitte durchgetrennt waren. (...) Ich nahm zuerst die Bauchverletzungen. Sie bewegten sich nicht mehr und waren deswegen am einfachsten zu behandeln. Ich stopfte die Eingeweide zurück in die Bauchhöhle.“ Die Nachwuchsmediziner geben sich alle Mühe, kleben die Wunden mit Tesafilm zu, was natürlich keine dauerhafte Linderung beschert. Die arm- und beinamputierten Frösche machen sich davon und humpeln mit ihren verbliebenen Beinen unter den Rhododendron. Es kommt zu einem letzten Akt der angewandten Tierliebe: „Wir verfolgten sie nicht weiter, legten ihnen bloß ihre abgehackten Beine, Hände und Füße unter den Busch, falls die Frösche sie sich später holen wollten.“ Nicht immer sind es solche detailfreudigen Beschreibungen, die groteske Komik erzeugen. Manchmal gelingt es Karen Duve mit einem einzigen Satz, die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit auf den Punkt zu bringen. Komische Effekte entstehen gerade in solchen Momenten, die man leicht überliest und nicht leicht überlesen sollte. In „Dies ist kein Liebeslied“ wechselt die Erzählerin aufs Gymnasium, und sie entscheidet sich für eine Schule, das Heddenbarg-Gymnasium, deshalb, weil sie möglichst wenige alte Klassenkameraden wiedertreffen möchte. Mit ihrer Mutter wechselt sie dabei einen denkbar kurzen, wie ich finde, aber recht komischen, duvetypischen Dialog: „Ich wurde der 5.4 zugeteilt. Die Heddenbarg-Klassen waren nicht alphabetisiert, sondern durchnummeriert. ‚Das soll wohl was sein‘, sagte meine Mutter.“ Mehr hat die Mutter nicht zu sagen. Ihr lebenserfahrenes „Das soll wohl was sein“ entlarvt in fünf Wörtern, was das Wichtigtuerische dieses Gymnasiums ausmacht. Konservatives Beharren und progressive Neuerung prallen aufeinander, ohne dass die Mutter dabei die schlechteren Karten zugewiesen bekäme. „Das soll wohl was sein“ – diesen Ausdruck, meine Damen und Herren, ließe sich auch auf viele Erscheinungen des Literaturbetriebs anwenden, doch das ist eine andere Geschichte ... Kleine Dialogkomik, große Situationskomik – das sind meines Erachtens zwei Argumente dafür, warum Karen Duves Bücher komisch sind, und wenn sich Makabres und die Vorstellungskraft übersteigendes Ekliges hinzugesellen, dann darf man vielleicht von grotesker Komik, von groteskem Humor sprechen. Raffiniert verbunden sind solche Szenen oft mit Motiven aus der Pflanzen- und Tierwelt. Die zitierten geschredderten Frösche sind nur eines von vielen Beispielen, ja, genau besehen, ist der Duve-Kosmos ohne Tiere als Akteure nicht denkbar. Folgerichtigerweise wird denn auch ein Tier in Karen Duves famosem „Taxi“-Roman zum Deus ex machina. Sie erinnern sich vielleicht: Alex Herwig heißt Duves Heldin am Steuer. Die lapidare Erkenntnis „So ging das nicht weiter“ bringt die attraktive junge Frau auf den Gedanken, bei einem dubiosen Taxiunternehmer anzuheuern und sich künftig als viel bestaunte Chauffeurin die Hamburger Nächte um die Ohren zu schlagen. Die zentrale Erkenntnis ist schnell formuliert: „Wer kein Taxifahrer ist, ahnt ja gar nicht, wie viele Verrückte und ambulant Schizophrene frei herumlaufen.“ Alex führt zudem ein Sexualleben, dass ihre Entschlussschwäche bloßlegt. Mit wem sie auch das Matratzenlager teilt: Ein Knüller aus der männlichen Spezies ist nicht darunter. Die Lektüre zahlreicher Werke der Gorilla- und Schimpansenfachliteratur feit sie immerhin davor, das Wesen des Mannes zu überschätzen. Sich aus diesen Verstrickungen zu befreien, das schafft Alex freilich erst in einem Gewaltakt, als sie an der Reeperbahn einen ungewöhnlichen Fahrgast, einen Schimpansen, aufnimmt und mit diesem zu einer Amokfahrt aufbricht – ein furioses, sehr komisches Romanfinale. Lassen Sie uns, meine Damen und Herren, noch über Sex sprechen. Denn Karen Duves Komikarsenal wäre weniger gut bestückt, wenn ihre Figuren sich nicht immer wieder in den Fußangeln der Erotik verlören. An verunglücktem, missratenem Sex herrscht in diesen Texten kein Mangel. Wie sich die Figuren abmühen, ein erfülltes Sexualleben zu praktizieren, hat viele bitter-komische Effekte. Schon im Erstling „Im tiefen Schnee ein stilles Heim“ muss jene Frau, die bei Frau Oktober Unterwassergewächsklöße zu sich zu nehmen hat, kurz darauf Sex mit dem verklemmt-gestörten Johann Köpfli haben. Allein der Name: Johann Köpfli … Dieser mag es gern bei Licht und keucht schnell. Die Geliebte wider Willen findet wenigstens zu einer Betrachtungsweise, die ihr die Begegnung mit Köpfli im Nachhinein erträglich macht: „Es war nicht schlimm. Dass es auch nicht schön sein würde, hatte ich schon vorher gewusst. Es war nur ein besonders unangenehmes Stück Gegenwart. Aber die Gegenwart ist immer kurz und gleich wieder vorbei. Eigentlich ist die Gegenwart nur so etwas wie eine Kaffeemühle, in die man oben Zukunft hineinschüttet und bei der unten Vergangenheit herauskommt.“ So pariert man, wohl oder übel, unschönen Sex – oder wie es an anderer Stelle heißt: „Sex deprimierte mich einfach zu sehr. Ich weiß, alle Tiere sind hinterher traurig, aber ich war es immer schon vorher.“ Nirgendwo freilich, meine Damen und Herren, kommen Tierisches, Pflanzliches und Erotisches so schön zusammen wie in Karen Duves „Regenroman“, der fraglos zum Nassesten zählt, was die Weltliteratur hervorgebracht hat. Der ständige Niederschlag, der Menschen und Orte in diesem Buch traktiert, ist kein Leitmotiv, sondern Thema im engeren Sinne. Es nieselt, regnet und schüttet unaufhaltsam; die Begleiterscheinungen des Feuchten und Modrigen nehmen die Figuren in Beschlag. Nirgendwo scheint Rettung vor der Nässe zu existieren, und so ist nur folgerichtig, dass Leon, eine der Hauptfiguren, sein Leben als Moorleiche beschließt. Schauplatz dieser nassen Orgie ist eine verfallene Kate irgendwo in der Einsamkeit Mecklenburgs. Der Schriftsteller Leon Ulbricht, Ende dreißig, verlässt Hamburg und zieht sich – um ein Auftragswerk zu vollenden – mit seiner merklich jüngeren Frau Martina dorthin zurück, wo sich nicht einmal Fuchs und Hase gute Nacht sagen. Vielleicht ist es diese Einöde, die zu einer sich mannigfach niederschlagenden sexuellen Hochspannung führt. Krämer Guido Kerbel zieht sich gerne zurück, um, in Frauenkleider gewandet, heftig zu onanieren, wohingegen Martina sich den leckenden Liebkosungen des Hundes Noah hingibt. Damit nicht genug: Der bald unter einem Hexenschuss leidende Leon kann der Versuchung nicht widerstehen und lässt sich auf ein – natürlich nasses – Abenteuer mit zwei verhaltensauffälligen Schwestern aus der Nachbarschaft ein, mit Kay und Isadora Schlei. Leons unkonventionelle Paarung mit der fettleibigen Isadora ist eine Orgie des Sich-Verlierens: „Er legte sich auf sie. Sie war ungeheuer weich. Na klar war sie weich, aber so weich hatte er sie nicht erwartet. Fast ohne Widerstand. Wie Brei, wie Kuchenteig. Gott, wann hatte er seinen Finger zum letzten Mal in eine Schüssel mit Kuchenteig gesteckt? Das musste gewesen sein, als er noch ein Kind war. Er wühlte sich hinein. Es war das erste Mal, dass er mit einer Frau schlief, die dick war. Es war gut. Es war so ... – so weich. So viel. Als würde er mit dem ganzen Moor schlafen. Als wäre der Morast und der Torf und die verfaulten Blätter, die Pustelpilze und die vollgesogene Rinde und all das kleine Gekriech, das darauf lebte, die Moor- und Wasserfrösche, die Kröten, Unken, Molche und Olme und was da sonst noch herumkroch und schiss und sich fortpflanzte, all das Kaulquappenzeug und der Laich und nicht zuletzt der Regen, der endlose alles auflösende Regen, der sich im Moor fing – als wäre das alles zu einer einzigen Frau geworden. (...) Es war nicht einfach, in all das einzudringen. Isadoras Beine klebten so schenkeldick aneinander, dass er zweimal dachte, er befände sich schon in ihr, bevor er bemerkte, dass sein Schwanz nur vom Beinfett umschlossen war. Sie musste ihm helfen, ihn nehmen und an seinen Platz bringen, ihn sich gefügig machen. Seine Stöße sandten Wellenbewegungen durch ihren Körper, zitterndes, bebendes Fleisch, das ihm entgegenquoll. (...) Sie umhüllte ihn wie warmer Moornebel, rann an ihm herunter wie Regenwasser, gab nach wie ein weicher Grund und stieg wieder empor wie der grüne Saft in eine Pflanze.“ Was für eine Szene, was für ein molluskes Ineinander von Tierischem und Wässrigem! Zudem gepaart mit seltenen Vokabeln wie „Beinfett“, die das Word-Programm sofort als ihm unbekannt rot unterwellt. Karen Duves Roman lässt zudem die Vermutung aufkommen, dass Regen ein Wetterphänomen ist, das zu wesentlich aufregenderen Ereignissen führt als eine konstant scheinende, langweilig am Himmel stehende Sonne, die zu Trägheit und zu irreparablen Hautschäden führt. Leon und der Sex mit der Schlei-Schwester – das ist für mich, Sie haben es gemerkt, der komische Höhepunkt in Karen Duves Werk. Der manchmal beglückende und oft deprimierende Sex, der die Grenzen zerfließen lässt, markiert einen roten Faden aller Bücher Karen Duves – bis hin zu ihrem jüngsten, von der Kritik ziemlich zerzausten Roman „Macht“. Dort wird Sex eindeutiger als in den Büchern zuvor als Machtinstrument des Mannes gedeutet, dort wird die Komik bitterer, schärfer. Mit welchem Wahnwitz und welcher Konsequenz die Hauptfigur Sebastian Bürger seine Frau eigens in einem sorgsam kaschierten Kellerraum verwahrt und sie im wahrsten Sinn zum Sexualobjekt macht, das hat – weil Karen Duve versucht, der aus den Fugen geraten Gedankenwelt des enttäuschten Mannes zu folgen – durchaus komische Seiten. Das Detail ist hier nicht mehr grotesk, das ganze Szenario des Romans ist grotesk – das macht einen wesentlichen Unterschied zu früheren Büchern Karen Duves aus. Ich bin allein deshalb mehr als gespannt, welchen Weg diese Autorin in ihren nächsten Büchern gehen wird. Lassen Sie mich, meine Damen und Herren, mit einem sex-, aber nicht tierlosen Text Karen Duves schließen, mit der kleinen Geschichte „Weihnachten mit Thomas Müller“. Es geht – ich will das nur andeuten – um den Teddybär Thomas Müller, der in der weihnachtlichen Hamburger Rushhour verlorengeht und nur dank der beherzten Unterstützung der Wanderkatze Sandra Kaiser wieder nach Hause zu seinem Besitzer findet. Diese Katze gibt dabei dem völlig erschöpften, wehklagenden Bären einen Ratschlag mit, der an Tiefe kaum zu überbieten ist: „Wer jammert, hat noch Reserven.“ Diese eigentlich zynische Sentenz, die aus dem Sprachschatz unbarmherziger Vorgesetzter entnommen ist, hat dank Karen Duve fast Sprichwortcharakter angenommen. Denn wer kennt in seinem Umfeld nicht larmoyante Zeitgenossen, die auf hohem Niveau klagen und denen man ein knackiges „Wer jammert, hat noch Reserven“ zurufen möchte. Die Wendung selbst hat übrigens eine Vorgeschichte in Karen Duves eigenem Werk. In der Erzählung „89/90“ laviert die Ich-Erzählerin, erneut eine junge Taxifahrerin, zwischen zwei sie begehrenden Männern. Als zu einer tätlichen Auseinandersetzung zwischen den Kontrahenten kommt, bleibt einer von ihnen verletzt zurück: „Er starrte auf seine anschwellende Hand und lachte lautlos in sich hinein. Bitter. Wie jemand, dem Unrecht geschieht. Wer lacht, hat noch Reserven, sagte ich mir und ging ins Haus zurück, ohne ihm aufzuhelfen.“ Wie das nun zu verstehen ist und ob und wann hier welches Lachen im Hals steckenbleibt, das, meine Damen und Herren, will ich Ihnen überlassen. Wer Karen Duves Bücher liest, kommt nicht umhin zu lachen. Und wenn das Reserven schafft, für was auch immer, sollte uns das recht sein. Ich freue mich sehr, dass Karen Duve den Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor erhält, und danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit. Rainer Moritz, Literaturkritiker und Leiter des Literaturhauses Hamburg


Duve lässt das Elend leuchten. Volker Weidermann, Der Spiegel
Fast die einzige zeitgenössische Autorin (Autoren sind mitgemeint), die ich lesen kann. Tolles Buch. Sibylle Berg
Der erhobene Zeigefinger, den man anfangs in Duves Erzählhaltung zu erkennen glaubt, scheint bei näherer Betrachtung doch eher ein Mittelfinger zu sein. Eine spannende, beklemmende, zugleich unglaublich komische Dystopie, in der sich die großen Probleme unserer Zeit, vom Klimawandel über Flüchtlingsströme bis zum religiösen Fanatismus, spiegeln. Maik Brüggemeyer, Rolling Stone
In ihrem neuen Roman erforscht Duve die Beziehungen zwischen Mann und Frau im 2031. Dabei geht sie weit. Extrem weit. (…) Duve schreibt das derart präzise und kühl auf, dass einem sehr kalt wird beim Lesen. Männer frieren doppelt. Stephan Draf, Stern
Macht ist kein Ponyhof. Für niemanden. (…) Ein Manifest, aus dem blutige Wutsuppe tropft. Eine Horrorshow mit Unterhaltungswert. Katharina Granzin, taz
Brillant geschrieben. So köstlich, dass man vor lachen weinen möchte. Marlen Hobrack, der Freitag
Ein düsterer Abgesang aufs Abendland, überspitzt und bitterböse. Natascha Geier, NDR Kulturjournal
Das Buch pendelt zwischen Heiterkeit und Brutalität – und hält einige Überraschungen bereit. Anselm Schröder, Hamburger Morgenpost

Hier geht es zu den Lesungen von Karen Duve


Karen Duve liest bei zehnseiten.de

MACHT bei Aspekte

Interview mit Karen Duve bei Aspekte

MACHT im NDR Kulturjournal


Um die Wartezeit auf der Erscheinen von MACHT zu verkürzen, haben wir vorher jeden Tag ein Zitat aus dem Buch auf unsere Website und auf Facebook gestellt:


Zu unserer Facebookseite

Karen Duve im Interview mit der Süddeutschen Zeitung

Karen Duve im Interview mit der Literarischen Welt

Mehr zum Buch