Interview mit Eric Nil

Herr Nil, Sie haben ein Pseudonym gewählt. Ist die Abifeier in unserem Zeitalter ein so explosiver Stoff, dass Sie sich vorsichtshalber schützen wollten? Und wenn ja, wovor eigentlich?
Das Pseudonym dient meinem Schutz vor der Rache des Lehrkörpers. Nein, im Ernst: Das Buch beruht auf wahren Begebenheiten, das heißt, es kommen Verwandte, Söhne und Töchter vor. Es unter meinem richtigen Namen zu veröffentlichen, wäre mir zu intim gewesen und hätte die Beteiligten einer Öffentlichkeit ausgesetzt, die sie nicht gesucht haben.

Für wen haben Sie Ihren Betroffenen-Bericht geschrieben – für die Eltern oder für die Abiturienten?
Eigentlich für die Eltern, aber die ersten Reaktionen von Abiturienten, die das Buch gelesen haben, zeigen, dass es für sie sehr interessant ist, die kleinen sozialen Katastrophen und die Hintergrund-Dramen einer Abifeier einmal aus Sicht der Eltern zu sehen. Die Kinder wollen an einem solchen Anlass einfach Mama und Papa um sich haben und bekommen oft nicht mit, wie kompliziert und anstrengend das für Mama und Papa sein kann, wenn die beiden geschieden sind. Hier leistet das Buch Aufklärungsarbeit erster Güte.

Wie haben Sie Ihre eigene Abifeier erlebt?
So was gab es früher nicht. Nach dem Abitur hat man nicht gefeiert, sondern ist in den Krieg gezogen oder hat eine Firma gegründet.

Was erzählt die Abifeier, wie sie heute gefeiert wird, über den Zustand der Gesellschaft?
Kinder sind wichtiger geworden, stehen viel mehr im Mittelpunkt, als das z.B. in den 70er-Jahren der Fall war. Bei der Abifeier wird so gesehen auch die zentrale Rolle der Kinder gefeiert, die Prinzen und Prinzessinnen halten Hof. Es ist eine Art demokratisierter Opernball. Möglicherweise wird in der Art, wie heute Abifeiern gestaltet werden, auch ein südländischer Einfluss sichtbar: In Italien, Spanien usw. war es schon in den 50er-Jahren üblich, die Kinder bei jeder Gelegenheit in die schönsten Kleider zu stecken und sie zu feiern.

Sind Familienfeste nicht gerade heute die Gelegenheit, Brücken zwischen verfeindeten Lagern zu bauen?
Ich habe noch nie, wirklich nie von einem Familienfest gehört, an dem zwischen verfeindeten Lagern Brücken gebaut worden wären. Hingegen habe ich schon sehr oft vom Gegenteil gehört. Familien sind in der heutigen Zeit, in der sie nicht mehr auf gegenseitiger Abhängigkeit beruhen, sehr fragile und störanfällige Gebilde, und da viele Familienmitglieder sich das Jahr über kaum sehen, haben Familientreffen ein hohes Gefahrenpotential.

Welchen Rat würden Sie geben, was die Sitzordnung bei einer Abifeier betrifft? Vielleicht: Statt langer Tafel besser Stehtische?
Am besten sind möglicherweise Tische, an denen jeweils zwei Familien Platz finden, denn die meisten Abiturienten möchten mit ihrem besten Freund oder ihrer besten Freundin am Tisch sitzen, und den Eltern ist diese Sitzordnung auch lieber. Stehtische wären wohl eher ungünstig, und die Mobilität, die sie ermöglichen, würde von den Eltern kaum genutzt werden, denn die Abifeier ist ja nicht dazu da, dass die Elternschaft sich besser kennenlernt. Aber da die Abiturienten sowieso zwischen den Tischen hin und her flattern, ist die Tischordnung für sie selbst eigentlich nicht so wichtig.

Kann es sein, dass die Sentimentalität gegenüber dem traditionellen Familienbild eher der Sehnsucht der Erwachsenen als der der Jugendlichen entspringt, die mit dem System Patchwork aufgewachsen sind?
Kafka schrieb einmal, dass niemand so sehr an Reformen interessiert sei wie Kinder. Aber was die Familie betrifft, stimmt das nicht. Kinder sind in dieser Hinsicht total konservativ und bevorzugen eindeutig das traditionelle Familienmodell mit (richtigem) Vater, (richtiger) Mutter, Kind. Die Kinder wachsen mit dem Patchwork-System auf und arrangieren sich damit, aber ich kenne keinen einzigen Jugendlichen, der dieses System für das Bessere hält. Alle Kinder, außer die, die unter dem Streit ihrer Eltern oder unter Gewalt stark gelitten haben, wünschen sich, dass Mama und Papa wieder zusammenkommen, und dieser Wunsch dauert auch noch an, wenn sie schon längst von zu Hause ausgezogen sind.

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Buchpremiere: Hans-Werner Meyer liest aus "Abifeier"

Donnerstag, 8. März , 20 Uhr
Roter Salon der Volksbühne Berlin am Rosa-Luxemburg-Platz

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Eric Nil ist das Pseudonym eines bekannten Romanautors, der sich bestens im Umgang mit schwierigen Familienkonstellationen auskennt.


Ätzend und herrlich komisch. Selten hat jemand die Untiefen einer Patchworkfamilie bissiger und komischer auf den Punkt gebracht als Eric Nil. Der Mann kann höllisch gut schreiben. Kester Schlenz, Stern