Autoren

Bonusmaterial

Interview mit Martin Urban

Der Wissenschaftspublizist Martin Urban, Begründer und 34 Jahre lang Leiter der Wissenschaftsredaktion der Süddeutschen Zeitung, versucht in seinen Büchern die Konsequenzen wissenschaftlicher Erkenntnisse für unser Weltbild aufzuzeigen. Sein neues Buch Die Bibel – Eine Biographie, erschienen im Verlag Galiani Berlin, wendet sich an spirituell interessierte und zugleich kritische Leser.

Wozu ist eine Biographie der Bibel nützlich?

Martin Urban: Weil sie helfen kann, die Bibel zu verstehen

Und warum ist das wichtig?

Die Bibel ist das wirkmächtigste Buch der Weltgeschichte. Sie bestimmt Denken und Fühlen, ja sogar die Sprache selbst derjenigen, die noch nie in der Heiligen Schrift gelesen haben. Es ist auch für die eigene spirituelle Entwicklung gut, die Bibel zu verstehen.

Wer versteht denn die Bibel nicht?

Niemand versteht sie, wenn er sie ohne Hintergrundwissen liest. Die Bibel ist nicht ein für allemal von Gott offenbart worden. Sie ist vielmehr in einem langen Prozess von Menschen geschrieben und immer wieder umgeschrieben worden, die versuchten, aus dem Wissen ihrer Zeit heraus Gott und die Welt zu verstehen.

Die Menschen lesen nun seit fast 2000 Jahren in der Bibel. In jedem Gottesdienst wird daraus vorgelesen. Wieso sollten sie das nicht verstehen?

Die intensive wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Buch der Bücher in den letzten Jahrzehnten hat dazu geführt, dass wir die Bibel heute auf ganz andere Weise verstehen können als dies früheren Generationen möglich war.

Ein Beispiel, bitte.

Am Schluss eines Gottesdienstes spricht der Pfarrer üblicherweise die Worte: »Der Herr segne dich und behüte dich, der Herr lasse leuchten sein Angesicht über dir …« So steht es im vierten Buch Mose. Der Gott mit dem leuchtenden Antlitz ist der altägyptische Sonnengott. Im Laufe einer langen Geschichte hat der biblische HERR Gott viele andere Gottheiten integriert. Der Bibelleser kann nicht erkennen, das die vielen Götter des Orients in dem einen Gott der Juden, Christen und Muslime aufgingen, der allerdings immer noch voller Widersprüche ist.

Ganz interessant, aber ist das wichtig?

Wichtig ist, dass auch Jesus uns ein Gottesbild vermittelt hat, nämlich den allgegenwärtigen Gott, den die Menschen wie einen seine Kinder liebenden Vater ansehen können.

Mit all den ´liebevollen` Sätzen aus der Bibel, wie: »wen der HERR liebt, den züchtigt er«?

Das ist Ausdruck eines alttestamentarischen, patriarchalen Gottesbildes, das nicht Jesus, wohl aber die Kirchen bis in die allerjüngste Zeit vermittelt haben. In katholischen und evangelischen Erziehungsheimen wurden zum Beispiel bis in unsere Tage Kinder in diesem Geiste autoritär erzogen und oft sadistisch gequält. Wer die Bibel besser kennt, muss die Deutungen der Kirchen nicht übernehmen.

Ist das ein Unterschied?

O ja. Die katholische Kirche stellt sich über die Bibel, mit der Begründung, dass sie älter ist als der Kanon der biblischen Bücher, was stimmt, und die kirchliche Tradition der Bibel gleichwertig sei, was jedem Aberglauben Vorschub leistet.

Was ist Aberglauben?

Aberglauben ist, wider besseres Wissen zu glauben. Beispielsweise sehen besonders auch fromme Menschen sogenannte Nahtod-Erfahrungen, bei denen vom Sterben Zurückgeholte über ´Out-of-Body`-Erlebnisse berichten, als Hinweis darauf, dass mit dem Tod die Seele den Körper verlässt. Solche Erfahrungen des scheinbar den eigenen Körper Verlassens kann man, wie jüngst bewiesen wurde, bei völlig gesunden Versuchspersonen mit wenigen Hilfsmitteln hervorrufen.

Und die evangelische Kirche beruft sich nur auf die Bibel?

Im Prinzip, ja. Allerdings ohne die Deutungen der modernen Theologie zu übernehmen.

Was heißt das?

Bei jedem Abendmahlsgottesdienst singt die Gemeinde: »Christe du Lamm Gottes, der du trägst die Sünd` der Welt …« Dem liegt die vom Apostel Paulus vermittelte Vorstellung zugrunde, Gott habe sich selbst seinen eigenen Sohn, das ´Lamm Gottes`, für die Sünden der Menschheit geopfert. Historisch-kritisch forschende Theologen halten diese Vorstellung für unsinnig. Jesus wurde von den jüdischen Priestern verfolgt, weil er sich gegen den Opferkult seiner Zeit wandte.

Wie soll man denn Jesus verstehen, wenn man nicht glauben darf, was in der Bibel steht?

Man muss wissen, dass weder die Evangelisten noch die Verfasser der Apostelbriefe Jesus persönlich gekannt haben.

Petrus kannte sehr wohl Jesus.

Aber die Petrusbriefe stammen nicht vom Apostel Petrus.

Und woher stammen dann die biblischen Geschichten über Jesus?

Jesus hat nichts Schriftliches hinterlassen. Die Evangelien sind auch erst viele Jahrzehnte nach seinem Tod entstanden, als es wohl kaum noch Zeugen gab. Man vermutet, dass seine Anhänger das, was sie von Jesus gehört und gesehen hatten, weiter erzählten und in Form einzelner Zitate am Ende auch aufschrieben. Die Evangelisten konnten sich auf solche längst verloren gegangenen Quellen stützten und sie mit ihren eigenen Deutungen, die sich voneinander stark unterscheiden, in ihren Evangelien verarbeiten. Um zu verstehen, was Jesus wollte und gemeint hat, muss man sehr viel zusätzlich wissen.

Woher?

Als Ergebnis historischer, archäologischer, philologischer, linguistischer, psychologischer und auch neurowissenschaftlicher Arbeit lassen sich die biblischen Texte analysieren und deuten – ein Prozess, der freilich zu keinem Ende kommen kann. Jedenfalls unterscheidet sich die von Jesus verkündete ´Frohe Botschaft` erheblich von dem, was die Kirchen daraus gemacht haben.

Beispiele?

Jesus war kein Christ sondern ein frommer Jude. Er verstand sich nicht als Gott sondern als Mensch, der das Reich Gottes verkündete. Er hat keine Kirche gegründet und kannte keinen »Stellvertreter«.

Aber er hat sich doch taufen lassen?

Ja, vermutlich, wie andere Juden auch, von Johannes dem Täufer, der, so wie Jesus selbst, ein Wanderprediger war. Aber Jesus hat keinen ´Taufbefehl` und keinen ´Missionsbefehl` erlassen.

Der steht aber schon im ältesten Evangelium, dem des Markus.

Falsch. Die ältesten Textabschriften des Markus-Evangeliums kennen keinen Tauf- oder Missionsbefehl. Diese Verse und die Geschichte von der Himmelfahrt Jesu wurden erst im 2. nachchristlichen Jahrhundert in das Markus-Evangelium hineingeschrieben. Und die angeblichen ´Befehle` Jesu sind dann von der Kirche, sobald sie die Macht dazu hatte, mit aller Gewalt durchgesetzt worden.

Was ist das Biographische an dieser »Biographie«?

Die Bibel hat eine Entstehungsgeschichte, aber auch eine Verstehens-Geschichte und eine Wirkungsgeschichte.

Was heißt Entstehungsgeschichte?

Manche ihrer Bücher sind in langer Zeit entstanden und haben dann einen Namen als Verfasser bekommen, der bestenfalls Teilstücke geschrieben hat, beispielsweise der Prophet Jesaja. üblicherweise haben die biblischen ´Propheten` mittels falscher Datierung eine »Zukunft« vorhergesagt, nachdem diese längst eingetreten war. Manche biblische Autoren haben sich fälschlich prominente Namen zugelegt, so die Verfasser einiger ´Paulus`-Briefe.

Und was heißt Verstehensgeschichte?

Die ersten Christen verstanden die Bibel wörtlich, was heute nur noch Fundamentalisten tun. Sie deuteten auch Textstücke des Alten Testaments als Hinweise auf Jesus. Diese Texte werden immer noch so im Gottesdienst verwendet, etwa zu Weihnachten, obwohl die Historiker es längst besser wissen.

Und was heißt Wirkungsgeschichte?

Biblische Erzählungen, wie die von Pontius Pilatus, der seine Hände in Unschuld wusch, während die Juden Jesu Blut »über uns und unsere Kinder« kommen lassen wollten, wurden zur Ur-Begründung für den christlichen Antisemitismus.

Deshalb die Aufregung über das Karfreitaggebet des Papstes?

Genau. Man muss das alles wissen, wenn man die Bibel liest. Sie bleibt trotzdem ein wunderbares, ein hilfreiches, ein weises Buch, das den Menschen seit 2000 Jahren hilft, Orientierung in ihrem Leben zu finden.