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Ein apokryphes Blatt aus J. W. Goethes Italienischer Reise

Neapel, 29. Februar 1787.

Gestern machte ich die Bekanntschaft des berühmten Abbé Galiani, der eines besonderen Vertrauens, einer vorzüglichen Gnade des Königs und der Königin genießt. Ich fand ein klein bucklicht Männchen, das mir steif entgegen trippelte und mit artiger Lebhaftigkeit seine Medaillen, Kameen, alte Bronzen und derlei Sächelchen zeigte. Es sind viel gute Stücke drunter, aber auch viel kurioses Zeug, was blos er für kostbar hält. Ich konnt all die Zeit, es mochten zwei Stunden sein, kaum zu Wort kommen. Er redete unaufhörlich von der Kaiserin Katharina, von dem Buch über Horatius, welches er just vollendet hatte, von der Vorzüglichkeit und Aboriginität des neapolitanischen Dialekts, dazwischen erzählt er alte, unmäßig derbe Anekdoten. Ich bat, er solle mir seine Meinung über die Altertümer von Herkulanum sagen, und er regalierte mich mit der Geschichte vom Pfaffen und vom Mauleseltreiber oder vom Kardinal und seinem Sekretär. Da er endlich merkte, dass mich sein Geschwätz und Gezappel ennuyierte, stellt er sich mit einem ganz ernst und ruhig vor mich, läßt seine schwarzen Kugelaugen aufs lebhafteste rollen und prasselt ein Hagelwetter von Witzen und Verwünschungen über mein armes Haupt, teils im reinsten Italiänisch, teils mit Flüchen der Ruderknechte und mit französischen Brocken untermengt, so daß ich ganz betäubt da stund. ›Was seid ihr herausgegangen zu sehen?‹ fing er an, gleich dem Täufer Johannes, und in dem Tone gings weiter, geistlich und weltlich, gereimt und ungereimt durcheinander. Ob er sich zum Affen seiner eignen Kollektionen müsse machen lassen, oder für jeden hergelaufenen Fremden gegen ein angemessenes Schaugeld seine Kunststücke aufführen, wie seine Angorakatzen umsonst täten (die liefen derweil im Zimmer herum, sträubten den Schwanz und krümmten den Buckel). Er, der Abbé, pfeif’ auf alle durchkommenden Fremden und Herrschaften, sie sollten ihn in Ruhe lassen, denn er sei ein alter Mann, dessen die verstorbenen Freunde in der unteren Welt schon von länger her mit Verlangen harrten, da sie ohne ihn nicht einmal als Schatten zu leben vermöchten. Ich hab’ die Verse behalten:

Tandis que j’ai vécu, on m’a vu hautement Aux badauds effarés dire mon sentiment. Je veux le dire encor dans le royaume sombre: S’ils ont des préjugés, j’en guérirai les ombres.

[Anm.] Die Verse sind nicht von Galiani, sondern von Voltaire, der sie am Tage vor seinem Tode, 29. Mai 1778, dichtete.

Da er meine Verlegenheit sah, trieb ers noch ärger, bis er mir mitten im Satz mit artigster und höflichster Manier seine braune und behaarte Hand hinstreckte und mit rechtem Schelmenton sagte: Soyons amis! Ich schlug ein, und ließ mich selbst, betäubt wie ich war, zum Frühstück nötigen, das nur aus ein wenig Huhn, kühlem Obst und einer Art von römischem Käs bestand, den sie in Rom caccio cavallo nennen, dabei sich denn das Wortspiel cazzo von selber einstellt, welches sich auch der Abbé mit nichten entgehen ließ. Da ich den Mund nur zum Trinken auftun brauchte (es gab einen dunkeln, herben roten Wein), hatt’ ich Muße, mir den Mann zu betrachten, dessen Ruhm vorzeiten die halbe Welt erfüllte, und der nun zahnlos vor mir saß, und ohne Aufhören klapperte, wie eine Mühle, wenn sie leer geht, deren Gestoße was Unheimliches hat. Unterdem wurd ich immer stiller, ließ den wunderlichen Greis seine Späße treiben, und dachte derweil, wie nah doch in einem bedeutenden Kopfe der Hanswurst und der würdige Mann beisammen wohnen, und wie sich der Mensch immer steilere und scheinbar unmögliche Ziele stecken muß, um das Leben überhaupt mit Anstand durchzuführen.

Behagliches Genießen des Gegenwärtigen ist nur fürs Animalische nützlich, schließlich notwendig, im Geistigen wirds geschwind zur Fratze seiner selber, und verdirbt.

Abends mit Hackert in Gesellschaft. Wir redeten auch von dem Abbé, und wurde mancher bedeutende Zug des Mannes vorgebracht, so daß ich mich schließlich glücklich pries, ihn kennen gelernt zu haben.

Galiani, ein glänzender Latinist, war zeitlebens von Horaz fasziniert gewesen. Er galt als Fachmann, wurde von Freunden wie Diderot bei strittigen Fragen zu Horazgedichten zu Rate gezogen und würzte seine Schriften gern mit Zitaten aus seinem Lieblingsschriftsteller. Sein Biograph Diodoti (Vita del Abate Ferdinando Galiani, Napoli 1788) schreibt dazu: »So lange der Abbé Galiani in Frankreich war, unterließ er nie, sich in den schönen Wissenschaften zu üben. Er fing daselbst an, Anmerkungen über den Horaz zu schreiben, worin er Ursachen und Veranlassungen eines jeden Gedichts untersuchte, um den Leser in den Stand zu setzen, die dunklen Anspielungen und Allegorien zu verstehen. Er erklärte nicht nur viele Stellen auf eine ganz neue Weise, sondern gab auch den Gedichten eine neue Ordnung nach den Zeiten und örtern, da sie geschrieben wurden, und legte dem Leser die Fortschritte, die Horaz in der Dichtkunst machte, bis er die unnachahmliche Vollkommenheit erreichte, vor Augen. Auch verbesserte er viele Fehler, die sich im Verlauf der Zeiten in diese Gedichte eingeschlichen hatten… «.

»Galianis 1778 in Angriff genommenes Horaz-Buch wurde allerdings nie gedruckt. Leider ist der ›ganze Kommentar‹, der 1788 noch erhalten war, verschwunden, nur die Bruchstücke, die in der Gazette litteraire d’Europe 1780 vorabveröffentlicht wurden, sind erhalten. Und auch sie lesen wir weniger wegen der z.T. von der Philologie widerlegten Thesen Galianis zu Horaz, sondern wegen seiner generellen Betrachtungen zu Philologie und zur übersetzungsarbeit.«

J.W. Goethe an Melchior Grimm, 19.9.1780

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