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Bonusmaterial
Frank Schulz über seine Arbeit an Mehr Liebe :
Scriptonomische Marginalien
von Frank Schulz
Vor über zehn Jahren machte ich eine bestimmte mitmenschliche Erfahrung. Keine katastrophale, aber eine recht erschütternde. Als Empörung und Fassungslosigkeit einem gewissen Erkenntnisinteresse Platz einräumten, stieß ich zufällig auf einen Aphorismus Marie von Ebner-Eschenbachs: »Die meisten Menschen brauchen mehr Liebe …«, beginnt er (und ein Jajaa wollte einem vorlaut rausrutschen), »… als sie verdienen.«
Was anfängt wie ein triviales Wort zum Sonntag, mündet in einen heiklen, schlagenden Befund der condition humaine. Fortan häuften sich vor meinen Augen und Ohren Fälle, die zu erläutern jene Sentenz desgleichen fähig schien. Prompt drängte sich die Idee auf, sie zum Zentralmotto einer Sammlung von Geschichten zu machen; zum Motto, das im Idealfall zu jeder einzelnen passen würde.
Noch mit vorrangigen Arbeiten befaßt, setzte ich bei Einladungen zu Anthologien jedoch bereits die Bifokalbrille auf. Ein Beitrag zum Motivkreis Pop? Kiez? Europa? Fußball? Weihnachten? Gern. Zum Thema aber machte ich jeweils das nämliche. Auf diese Weise, so hoffte ich, entwickele sich Projekt Mehr Liebe wie von selbst.
Rund acht Jahre später war die Gelegenheit günstig, das Vorhaben voranzutreiben. Eine Zwischenprüfung des Materials verlief allerdings enttäuschend.
Sechs Stücke Kurzprosa. Insgesamt circa siebzig brauchbare Seiten. Ich druckte das Typoskript noch mal auf 16 Punkt aus, doch abgesehen von der nach wie vor zu geringen Menge blieb der in all den Jahren akkumulierte inhaltliche Ehrgeiz noch bei weitem unbefriedigt: die schichtunabhängige, generationsübergreifende, zeitlose Gültigkeit des von E. – E. aufgespießten psycho-, nein anthropologischen Phänomens zu illustrieren; das Spektrum der betreffenden Liebe über die erotische und romantische hinaus zu berücksichtigen; dafür Protagonist/inn/en unterschiedlicher Altersklassen und Milieus zu wählen; womöglich die Prosaformen entsprechend zu variieren etc.
Als Antwort auf die schnöde Quantitätsfrage wurde mir erstmals eine Binsenweisheit augenfällig: Das spezifische Gewicht, das eine kurze literarische Arbeit im empfindenden Gedächtnis seines Autors hat, muß keineswegs bloß ein Zwanzigstel bis Zehntel von seinen zehn- bis zwanzigmal so langen Arbeiten betragen. Nicht, daß ich noch wüßte, wie lange in Bruttowochen oder Nettostunden ich etwa an der Erzählung mit dem Titel Deutschland – Karin 0:6 gearbeitet habe (die vordergründig vom Halbfinale der Fußball-WM 1970 handelt, BRD gegen Italien; unter dem aktuellen Titel Sehnsuchtsglühen aber vielmehr von ersten erotischen Erfahrungen einer halbwüchsigen Bolzplatzclique). Doch die Gesamtenergie der am Verfassensakt beteiligten Antriebskräfte – autobiographischer Hintergrund (Knutschfleckorgie!), laufende Anpassung der Fiktionsvision, kleinere historische Recherchen, Einfälle, handwerkliche Umsetzungen usw. usf. – hatte das Bewußtsein von einer gründlichen Arbeitserfahrung erzeugt. Und dieses Bewußtsein wiederum ein spezifisches Gewicht im empfindenden Verfassergedächtnis hinterlassen. Ein Gewicht, das, wie angedeutet, in keinem Verhältnis zur Anzahl der Manuskriptseiten stand. Die da lautete, und wenn ich mich auf den Kopf stellte: 22.
Womöglich noch deprimierender gestaltete sich jenes Verhältnis in bezug auf die kleine Trilogie der Gewalt, insgesamt etwa 10 Seiten. Gewalt als besonderem Resonanzraum der Liebe wollte ich entsprechend besondere Aufmerksamkeit widmen (ebenso wie übrigens dem Pop, und diesem ursprünglich in Form eines Dekamerons, das ziemlich bald auf ein Pentameron zusammengekürzt wurde und als Tetrameron endete). Als mir der Gewalt-Plan nach und nach zu gewaltig erschien (oder auch nur zu reißbretthölzern), erinnerte ich mich an meinen 72-Zeilen-Fall als Beitrag für die Kurzkrimi-Rubrik einer schweizer Wochenend-Zeitungsbeilage, nach dessen Muster ich seinerzeit aus lauter Überdruck noch zwei weitere gefertigt hatte. (Publiziert später im Hamburger Ziegel, Jahre zuvor abgelehnt von der Literaturzeitschrift EDIT; Red. Tobias Hülswitt damals: »Wir waren von der Härte und Brutalität beeindruckt, um nicht zu sagen betroffen … Was uns schließlich abhielt, war der Umstand, daß wir nicht ausmachen konnten, welche Position die Texte einnehmen, ob die Geschichten auf reine Intensität zielten oder auf eine Anprangerung der Gewalt oder eine Begründung der Gewalt.« Was auch immer das besagen mochte, ich eitler Hund schmolz es im Handumdrehn zum Kompliment um.)
