Autoren
Auch qualitative Konsequenzen gab es. Weil es ungefähr werden sollte, was im Popbusineß gern ‚Konzeptalbum‘ genannt wird, verlangte mein ursprünglicher Anspruch die empirische, lexikalische Schwungkraft eines Sachbuchs. Schon bevor der Bleistift gespitzt war, leuchtete mir ein, daß mein authentischer Erfahrungshaushalt einer solchen Dynamik nicht standhalten würde. Zudem wollte ich auf keinen Fall schematisch Punkte abhaken und also der Gefahr aufsitzen, papierene, blutleere Figuren zu schöpfen. Den anfangs anvisierten Idealfall, das zentrale Motto möge auf jedes einzelne Element des Erzählbandes zutreffen, würde es infolgedessen nicht geben.
Je länger ich über dies als Dilemma erachtete Problem grübelte, desto klarer wurde mir, daß ich den Aphorismus viel zu eng ausgelegt hatte. Man konnte, ja durfte ihn breiter interpretieren, ohne daß er sich im Ungefähren verlöre. Seine Konnotationen waren dem Stoff (= Bedürftigkeit, ja Notdurft der Liebe) komplementär. Läßt die Aussage »Die meisten Menschen brauchen mehr Liebe, als sie verdienen« nicht beispielsweise ebenso anklingen, daß es ein paar gibt, die mehr verdienen?
Und selbst wenn diese Lösung allzu spitzfindig, ja spitzbübisch anmuten mag – generell läßt sich sagen, daß auch Belletristik zwar präzis sein sollte, allerdings wohl kaum im statistischen Sinne; ja sie braucht nicht einmal philosophisch streng konzis zu sein. Jedenfalls platzte mit dieser Hypothese der Erzählknoten, und so paßte dann doch auch etwa die Geschichte, die ich schon lange einmal schreiben wollte, sehr wohl ins Konzept: wie eine de facto banale Partie Tischtennis für einen verantwortungsvollen Familienvater zum de facto gefährlichen Existenzkampf wird.
Ein weiterer qualitativer Faktor, der hemmend wirkte, bestand im Konflikt der unerläßlichen spielerischen Lust und Muße des Geschichtenerzählers mit einer gärenden ökonomischen Scham. Besagt doch die Branchenkunde, Erzählbände seien schwer verkäuflich (wobei beneidenswerte Ausnahmen die Regel bestätigten). Und weiß ich als unlustiger, aber allemal gelernter Kaufmann doch, wie eine Kalkulation aussieht. Mein persönliches wirtschaftliches Risiko war seit der Darmstädter Förderung relativ übersichtlich. Doch die ‚ökonomische Scham‘ (einer Art kapitalistischen Über-Ichs, welches über das volkswirtschaftlich nur mit Größenwahn bzw. frommem Wunschdenken zu rechtfertigende Projekt greint) machte mich phasenweise täglich (und nächtlich) nervös. Ökonomie vs. Ergonomie (genauer: ‚Scriptonomie‘). Hätte mir wer (der Literaturfonds etwa) einen Rentabilitätsprüfer o.ä. auf den Hals gehetzt, hätte er mich vermutlich erschossen. Oder sich. Oder ich ihn.
Wer Erzählungen schreiben will – und ich wollte das spätestens, seit ich, mit siebzehn oder achtzehn, Salingers neun gigantischen Stories gelesen hatte –, tut also gut daran, sich eine trotzige Künstlerattitüde zu bewahren: »Erzählungen sind wichtig, nötig etc.! Gerade in unserer heutigen, so schnellebigen Zeit und immer kleiner und zerrissener werdenden Welt etc.!« Sonst kommt er auf keinen grünen Zweig.
Und wer diese Zeilen als eitle Jammerorgie und raunende Selbsterhöhung und Interessantmachung und durchsichtigen Versuch zur künstlichen Aufwertung gelesen hat, mag ja ebenso Recht haben, und wer Recht hat, gibt einen aus.
F.S.
