Autoren
Diese Texte nahm ich mir wieder vor – und befand sie für passend, nun auch und gerade in puncto Proportion. An dem schlimmsten (Hopfen) probierte ich eine lakonische Lektoratsempfehlung aus, die, wenn ich mich recht entsinne, Simenon einmal erhalten haben soll: »Streichen Sie alle Adjektive.«
Wiewohl ich die Hemingway-Carver-et-al.-Schule nicht für generell und global ästhetisch halte – in diesem Fall brachte weniger tatsächlich mehr. Woraufhin das spezifische Gewicht im empfindenden Gedächtnis ein wenig stieg. Nur daß, um den Bogen zu schlagen, dieses qualitative Mehr quantitativ wieder weniger brachte. Kurzum (und um den Bogen nicht zu überspannen): Bei der Zwischenprüfung widersprach der über die Jahre real gestemmte Projektanteil meinem Gefühl davon schreiend, ja kreischend. Ich schrieb eine siebte Geschichte, wofür ich vier Wochen brauchte. Dann mußte ich wieder meinen Lebensunterhalt verdienen und legte das Projekt erneut auf Eis. bzw. schickte zum dutzendsten Mal in zwanzig Jahren einen Antrag auf Förderung an den Literaturfonds Darmstadt. Dem zu meiner großen Freude ein halbes Jahr später erstmalig in meiner Autorenvita stattgegeben wurde! Das war die Rettung des Projekts.
An Romanen zu arbeiten war mir trotz der nunmehr idealen Bedingungen in gewisser Hinsicht ‚leichter‘ gefallen: Erstens erscheint die Aussicht auf außergewöhnlichen ökonomischen Lohn marktbedingt ein wenig heller. Abgesehen von diesem nach dem Lotterieprinzip funktionierenden Motivationsfaktor liegt die durchschnittliche Tagesproduktivität zweitens ohnedies viel höher (ist man mit dem Schreiben erst mal im Fluß). »Ein Roman trägt einen irgendwann«, wie Ralf Rothmann in der Fragestunde nach seiner Lesung im Hamburger Literaturhaus neulich sagte, »doch bei einem Erzählband fängt man alle paar Wochen wieder neu an.« Was sich mit meinen Erfahrungen deckt. Ist der Kosmos eines Romans erst einmal vermessen, arbeitet es sich – wie stockend auch immer – doch kontinuierlich. Hinsichtlich Erzählungen hingegen hält jeder neue Weltenbau aufs neue auf (auch wenn’s Spaß macht…).
Für die 30-Seiten-Geschichte Schmetterling des Schreckens zum Beispiel schaute ich nicht nur meterweise mir noch unbekannte Nicole-Kidman-Filme, sondern kam – nicht anders als bei der Recherche für einen Roman – unweigerlich von Hölzchen auf Stöckchen: Ich las nicht nur (wegen Kidmans Schmetterlingsphobie) C.S. Lewis’ Du selbst bist die Antwort, was aus bestimmten, an dieser Stelle nicht weiter ausführbaren Gründen vollauf gerechtfertigt war, und las nicht nur (wegen Eyes Wide Shut) noch mal Schnitzlers Traumnovelle, was noch halbwegs gerechtfertigt war, sondern las auch (wegen The Hours) Virginia Woolfs Mrs. Dalloway und (wegen To Die For) die Autobiographie von Drehbuchautorin Joyce Maynard (Tanzstunden. Mein Jahr mit Salinger). Was beileibe nicht mehr gerecht-fertigt war. Wenngleich sich ein Teil zur Charakterisierung der schlaumei-ernden cineastischen Protagonisten eignete. Ertrag immerhin: ein Absatz.
Und auch Ausschuß und Verschnitt kommen mir beim Storyschreiben enorm vor. Wenn Romane gerade auch durch ihre detaillierten bis abschweifenden Passagen zu leben beginnen (so daß die Verschnittmenge meist akzeptabel bleibt), gerät man mit derselben Technik bei Erzählungen ggfs. ruck, zuck auf den falschen Dampfer. So ging es mir mit der Geschichte, die auf der eingangs erwähnten Erfahrung basierte – ausgerechnet dem Motor des gesamten Projekts! Einen neuen Anlauf werde ich mich erst in nebliger Zukunft trauen.
Weitere Beispiele für nicht nur passagenweise Unbrauchbares: Ballistische Augen, am 11.11.1989 in El Salvador spielend, dem ersten Tag der letzten großen Offensive der Guerilla (Lektorat bemängelt u.a. fehlende Grundspannung); ferner Anekdote vom Punkrocksong, von einem unglaublich intensiven nächtlichen Traum meiner Wenigkeit handelnd, in dem ich einen erstaunlich guten Songrefrain komponiert hatte, der leider drei Tage später im Radio gespielt wurde (Lektorat bemängelt Intensität der Umsetzung); sowie erwähntes Pop-Pentameron V (gefiel mir selbst plötzlich ums Verrecken nicht mehr) u.a.m.
Manchmal brauchte ich ‚nur‘ die Idee zu vergessen und ein paar Notizen. Und einmal schrumpfte eine viel umfangreicher und parabelhaft geplante Geschichte aus bisher ungeklärter Ursache auf anekdotisches Maß (Buxtehude, über Kindheit und Vertreibung meines Vaters) oder geriet statt lyrisch-melodisch, wie sie eigentlich geplant war, unter der Hand eher rhythmisch. Sprich: wiederum kürzer, als sie eigentlich geplant war (Okay Blues, strukturiert nach dem zwölftaktigen Bluesschema).
Derlei quantitative Konsequenzen der schriftstellerischen Entscheidung zugunsten eines Erzählbandes drücken auf die intrinsische Motivation – nagt aufgrund des Verhältnisses von ungeeigneten zu geeigneten Stücken doch ständig die Erfahrung des Schwunds.

