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Verschwinden könnte dieses schmale Buch leicht neben all den wichtigen und wuchtigen Romanwälzern dieses Bücherherbsts. Dabei ist das knapp hundertseitige Prosabändchen der 1967 in Ostberlin geborenen Jenny Erpenbeck eine der gedanklich und emotional erfrischendsten Lektüren, die man sich derzeit gönnen kann. Ein kleines literarisches Juwel.
Dinge, die verschwinden erzählt von Sperrmüll und einst geliebtem Krempel, von Gegenständen eines vergangenen Alltags wie Teppichstangen, Kohleöfen oder Plumpsklos, vom Veralten von Wörtern und Verhaltensweisen (wie Höflichkeit), von einst gepflegten Ritualen (wie Friedhofsbesuchen), von einem Kindergarten in Berlin Mitte, aus dem ein Hubschrauberlandeplatz werden soll, und vonrepräsentativenGebäuden wie dem «Palast der Republik», dem die Republik so lange abhanden kam, bis ihr Verschwinden den Palast selbst restlos zum Verschwinden brachte.
Die letztes Jahr für ihren Roman «Heimsuchung» mit dem Solothurner Literaturpreis ausgezeichnete Autorin ist eine Meisterin der Evokation. Sie kann das Verschwundene heraufbeschwören, indem sie es dicht umspinnt mit persönlichen Erinnerungen, die man beim Lesen oft genug als ureigene wiederzuerkennen glaubt. Etwa wenn sie den kuriosen Tropfenfänger an den Tüllen der bauchigen Kaffeekannen beschreibt, die bis in die Mitte der siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts bei Familientreffen auf dem Tisch standen: jenes denkwürdige Schaumstoffröllchen, das Tischdecken vor Kaffeeflecken bewahren sollte und das erst verschwand, «als die Kinder der letzten Kriegstage, sich endlich empörend gegen ihre Eltern, aufhörten Familientreffen zu veranstalten», lieber nach Italien reisten und mit Espressokannen im Gepäck heimkamen. So verdichten sich in einem unscheinbaren Gegenstand vergangene Atmosphäre und historische Entwicklungen.
Noch eindringlicher vergegenwärtigt Jenny Erpenbeck Menschen, die aus ihrem Leben verschwunden sind: eine alt gewordene Nachbarin, Freundinnen, die Grossmutter. In anschaulichen Details sind ganze Beziehungsgeschichten eingefangen. Berichtet wird häufig von Abschieden — etwa von der tapferen Gefasstheit eines Vierjährigen, dessen Mutter für ein paar Tage nach Amerika reist. Aber auch das Gegenwärtige kann schon dem Abschied nehmenden Blick anheimfallen. Dann werden aus der Realität «wie aus einem noch laufenden Film» schon «Momentaufnahmen für später» herauskopiert, so als könne man auf diese Art die eigenen Erinnerungen «im Vorhinein auswendig lernen».
Das Buch besteht aus Kolumnen, die Jenny Erpenbeck vor einiger Zeit für die FAZ geschrieben hat. Doch sind sie hier so arrangiert, dass man auch von einem autobiografischen Roman in Fragmenten sprechen könnte.
Seine Grundmelodie ist melancholisch, trotz allerlei heiteren Einsprengseln. Er handelt von der spezifischen Gebrechlichkeit heutiger menschlicher Existenz. Von Verlusten, die uns ahnen lassen, wie wir den Tod erleben werden. Aber — und das macht das Glück des Lesens aus — was verschwindet, kommt hier aufs Schönste wieder zum Vorschein in Sprache.
Drum ist es nicht abwegig, beim Lesen dieser Erzählsplitter und kurzen Essays auch an Brigitte Kronauer zu denken, die einmal Nabokov dafür rühmte, dass er an einer seiner Figuren «einen Jackenknopf, an einem Faden hängend», überaus wichtig fand. Für genau solche Details, schreibt Brigitte Kronauer, sei Literatur moralisch zuständig. Es sei Sache der Literatur, das Zerbrechliche, vom Verschwinden Bedrohte festzuhalten und zu retten. Und diese Art von Humanität darf man auch bei Jenny Erpenbeck erwarten.
NZZ am Sonntag – 25. Oktober 2009
